Montag, 8. Dezember 2014

Taiwan - China ohne Probleme



Etwas mehr als zehn Jahre ist es nun her, dass ich zum ersten Mal Asien betreten habe. Es war die Erfüllung eines Traumes. Auf nach Taiwan für ein Jahr, jippie! Sicherlich wusste ich, dass Taiwan die Republik und nicht die Volksrepublik China war und kannte auch die wichtigsten Kenngrößen: polynesische Urbevölkerung, dann Portugiesen und Niederländer, japanische Besetzung, Kuomintang, Tschiang Kai Schek, Verlust des UN-Sitzes, Sicherheitsabkommen mit den USA etc. pp. und für einen gehörigen Kulturschock bei der Rückkehr nach Deutschland hat die asiatische Konditionierung des Aufenthalts schon gereicht, aber erst als ich jetzt diesen Oktober meinen zweiten Besuch auf der Ilha Formosa, der schönen Insel, wie die Portugiesen sie bei ihrer Ankunft nannten, antrat, überwältigten mich die Unterschiede. Von ihnen, weiteren Eindrücken und einigen Erinnerungen möchte ich Euch nun erzählen.

Als erstes – eingeschlagen wie eine Bombe – der vermischte Duft von Motorrollerabgasen und Sandelholzräucherstäbchen.

Herrlich, einzigartig würde ich sagen. Nach einem tiefen Zug war ich schon den Tränen nahe und zehn Jahre jünger. 

Die Armada übermotorisierter Motorroller,


die einen Extra-slot vor Ampeln hat, Standgas gebend und zuckend auf Grün giert, ist immer noch dieselbe, nur eben zehn Jahre moderner und schnittiger; ebenso die grundsätzliche Einstellung zu Schutzkleidung in Kombination mit gewissen Kätzchen…

Das Glück genießend von der guten einheimischen Freundin auf solchem Gefährt durch die Gegend kutschiert zu werden, forderte ich den sofortigen Halt, als mir ein weiterer unverkennbarer Geruch in die Nase stieg: Frittenfett plus angetrocknete Kotze plus Katzenpisse? Et violá:
Stinketofu, die hiesige Spezialität!
Außen knusprig, innen weich, Geruch: ekelhaft, Geschmack: lecker, vollkommene Harmonie der Gegensätze, ein Schatz asiatischer Küche. Wohl bekomms!

Was für ein Beginn dieser Reise, dachte ich. Binnen einer Stunde alles Wichtige abgehackt. Vom Feinsten! Wie wir also so durch die Stadt cruisten, ich nostalgisch die chinesischen Langzeichen auf den tief in die Straßen ragenden, zum Teil noch von rechts nach links beschriftetet Firmenschilder an mir vorbeisausen ließ, drängte sich mehr und mehr der Bebauungsstil in mein Bewusstsein. Damals fand ich ihn ziemlich monoton, einfallslos und stempelte die Straßenzüge immer als übereinandergestapelte Schuhkartons ab. 
Einziger und wichtigster Pluspunkt die Tempel, die sich in jeden noch so kleinen Zwischenraum pressen und an nahezu jeder Ecke zu sehen sind. Angesichts der Bauwut in der VR, die große Schneisen in alte Städte schlägt, schlanke Hochhäuser im Sechserpack an jede Ecke pflanzt und mit frischen Hochglanztempeln protzt, ganze Berge abträgt und riesige Flächen „entwickelt“, erschienen mir nun diese Schuhkartonkonglomerate plötzlich wie natürlich gewachsen.
Überhaupt ist in Taiwan alles irgendwie kleiner und enger, dichter, niedlicher und verwinkelter. Zudem scheinen gerade die alten Tempel absichtlich unbelassen und atmen eine historische Stimmung. Dazu kommen noch die allenorts überirdisch verlegten Stromleitungen, 
wegen Naturkatastrophengefahr (Erdbeben und Taifune), und schon steht sie vor mir meine Hauptkomplizin der Erinnerung: Japan. Saubere, duftende, schöne Scheißhäuser, Zugtypen, Bahnübergänge, Rathausarchitektur, die Menschen bilden Reihen, befolgen Gebotsschilder, Japans Erbe war mir nie so augenscheinlich wie bei diesem Besuch.

Ein weiterer Augenblick der Klarheit: keine Bullen. Nirgends nichts und niemand keiner. Auf dem Festland überall Wachmänner in verschiedenen Ausführungen und immer in Uniform: Polizist, Polizist im Dienst (gibt da eine extra Schärpe), Hauswart, Kaufhallenkontrolleur, Taschendurchleuchter, Zebrastreifenregulator und nicht zu vergessen: Kameras, Kameras und nochmal Kameras. Ich hatte das schon ausgeblendet und es war mir bei der Rückkehr wieder ins Unbewusste abgerutscht, so dass gleich in der folgenden Woche mein DDR-erfahrener Besuch mich in Peking nochmal deutlich darauf hinweisen musste. „Guck mal, der könnte Stasi sein oder der, oder der…“

Tja, da frage ich mich dann schon wierum die Wiedervereinigung idealerweise wohl verlaufen sollte, wenn sie denn kommen sollte, bin froh, dass mein Start in Asien auf Taiwan begann und bekomme das Gefühl, dass sich dieses schnuckelige Inselchen mehr anfühlt wie eine Schweiz als eine Provinz. Ich kenne die Schweiz nicht außer einem kurzen Besuch in Genf und Davos. Mein aus dem Fernsehen entnommenes Vorurteil suggeriert mir aber, sie hätten einen tieferen Grad der Entspanntheit erreicht, als – sagen wir – ihre Nachbarn im Norden. Und auch die Taiwanesen scheinen für mich mehr in sich zu ruhen als die von ihnen spitz „A-lang-à“ genannten, stets gehetzten Festlandschinesen. Allein schon die scheinbar eine Oktave tiefer gelegte Fassung ihres Hochchinesisch scheint das zu machen.

Einzige Leerstelle beim Erinnern, die hippen Girls, die den Lastkraftwagenfahrern das Aufputschmittel „Betelnuss“ verticken, sind wohl im Aussterben begriffen. Vor zehn Jahren sah ich sie noch alle zwei Kilometer in ihren engen Leibchen, in ihren empörenden Glashäusern sitzen und von Hand die Früchte präparieren, nun nur noch sporadisch, aber das ist glaube ich was Gutes.

So trat ich ihn also an, den kleinen Dreisprung, wie die Taiwanesen (im Duden steht übrigens Taiwaner, klingt mir aber zu vulgär) ihn nennen: Taiwan–Kinmen–Amoy. Mit dem Propellerflugzeug (sanfteste Landung jemals) zur Goldtorinsel (Kinmen) und von dort kurze vierzig Minuten mit dem Schiff zurück nach Amoy. Vier Tage Catch-up und Erinnerungsflash.

Früher habe ich zwar auch immer betont, dass ich nicht in der VR China sondern auf Taiwan war, aber dass erst ein Jahr Leben in der VR nötig war, um zu erfühlen, was es besonderes mit Taiwan auf sich hat, dass ein solcher Leihkulturschock für eine mir selbst nicht zu eigene Kultur, von der ich dachte sie eigentlich schon ganz gut erfasst zu haben, möglich ist, hätte ich nicht erwartet. Schöne Lektion.

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