Mittwoch, 28. Januar 2015

Ein-Kind-Politik im Kiez



Letztens in Deutschland kam gleich mehrmals das Thema auf und ich wurde dazu befragt. Alles Wichtige kann man ja Wikipedia und diesem ZON-Artikel entnehmen. Hier möchte ich das Thema aber mal ganz konkret, so wie es mir in meinem Kiez begegnet, darstellen. Das Schöne an meinem Viertel ist ja, dass es so kuschlig, eng, voller kleiner Läden und natürlich gewachsen ist; irgendwie ein schnuckeliges China zum Anfassen. Wenn hier also politische Prop…äh Bildung an die Wände geschraubt wird, vermute ich also, dass das nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, sondern schon einen Bezug zur Realität vor Ort hat. Schauen wir uns also mal die Wandzeitungen dazu an:

Chinesen reimen ja für ihr Leben gerne, überall, zu jeder Stunde und zu jedem Anlass, da ist Bevölkerungspolitik keine Ausnahme!
 
Das Einzelkind, Dein Schatz, die frohe Kunde,
Exzellente Geburt, exzellente Erziehung liegen ihm zu Grunde.
Mutter und Kind erfreuen sich zusammen dem himmlischen Bunde.
Ein guter Ausblick hellster Frühlingsstrahlen auf dem Erdenrunde.
Das „Gebären“ (Schöng ) und „Ü“ () die Erziehung bzw. das Aufziehen scheint der Überbegriff zu sein, unter dem die ganze Bevölkerungspolitik läuft.
 

Hochwertig gebären, hochwertig aufziehen, hochwertig ausbilden,
gut für den Staat, gut für das Volk, gut für die Familie.
Was das genau bedeutet erfahren wir gleich…
Zunächst erstmal aber die Wichtigkeit dieser Politik betonen:
 

Die Menschheit hat nur eine Welt,

alle Menschen achten auf die Bevölkerungsfrage.

Die Bevölkerungsmenge kontrollieren und Mutter Erde behüten.


Die Geburtenplanung durchsetzen für eine harmonische Gesellschaft,

die eine gute Bevölkerungsumgebung hervorbringt.


Die ganzheitliche Entwicklung der Menschen durchführen,

um die großartige Renaissance des chinesischen Volkes Wirklichkeit werden zu lassen.

Willst Du einem guten Schätzchen das Leben schenken,
musst Du an die Gesundheit des Paares als Erstes denken.

Interessant für Nichtraucher, aber nichts für Sonderpädagogen und Freunde der Inklusion:

Der Geburt behinderter Kinder vorbeugen. 
Die Verantwortung für Geburten und Bevölkerung erhöhen, 
das Glück gesunder Familien durchsetzen.
Rechts: ein behindertes Kind ohne Ohr und Hand „Hätten wir doch nur eine Voruntersuchung gemacht!“ 
Links: Für die nächste Generation „den Berg abriegeln und den Wald heranziehen“! Während Vati die Kippen kickt, hält Mutti "hochwertig gebären, hochwertig erziehen" in den Händen...

Behinderte Kinder sind also ganz offiziell ungewollt, privat anscheinend nicht nur sie…


Es geht um das Problem, dass Mädchen abgetrieben werden und es darum zu viele Männer in China gibt. So ist es auch verboten vom Arzt das Geschlecht vorab feststellen zu lassen. Gegen einen kleinen Obolus an Onkel Doktor macht der es aber trotzdem (auch da zeigt sich die Gewichtung: wird’s ein Junge kostet das 200, wird’s ein Mädchen 100 Yuan).

Darum dieser Hinweis:

Aus nicht medizinischen Gründen das
 Geschlecht des Ungeborenen zu bestimmen ist verboten!

Es scheint ernst zu sein:
 
Oben links im Verbotsschild: die "Zwei Illegalitäten" stoppen.
- Illegal das Geschlecht vor der Geburt bestimmen
- Illegal die Schwangerschaft spät abrechen
Unten links: der Jungs sind schon genug, die Mädchen sind schon zu wenig, GEFAHR! 
In der Sprechblase:"Heirate mich!"
Rechts oben der Vorschlaghammer: die "Zwei Illegalitäten" ernsthaft zerschlagen
Unten rechts: Das gute Bevolkerungsklima zu beschützen braucht Ihre Teilnahme...
Im Stopschild: Anzeigen werden belohnt.
Das ist kein hohler Spruch. Erst neulich erhielt eine Bekannte diese SMS:

"Geburtenplanungsamt Jimei. Werden illegale Abtreibungen oder Geschlechtsbestimmungen zur Anzeige gebracht, erhält der Erstanzeigende eine Belohnung von 30000 Yuan. Auf Kreisebene Belohnungen von 30000 bis 40.000 Yuan (das sind z.Z. rund 3900-5200 Euro)."

Da bekommt dieses Schild gleich eine vielfältigere Bedeutung:

Aufmerksam die Qualität der Geburten und Bevölkerung beobachten, 
lässt Ihr Kind schon von der Startlinie an gewinnen.


Die Geschlechterdiskriminierung auslöschen,

das Gleichgewicht zwischen Jungs und Mädchen herstellen.
Auf dem herzförmigen Schild steht „Heiratsantrag“. Auf der Wippe: Geschlecht vs. Verlust der Ausgewogenheit

Schön wie sie hier den ganzen Schlamassel auf den Punkt bringen:
Sich um die Durchsetzung der Geschlechtergleichheit kümmern.
Oben links: „Pusa, Pusa (das ist ein weiblicher Buddha), mach, dass ich einen Jungen bekomme.“
Unten links: „Pusa Pusa, mach, dass mein Junge eine Frau abbekommt.“



Lasst uns die Frühlingshoffnung sähen,

indem wir uns um das Großwerden der Mädchen kümmern.





Natürliche Harmonie, eine schöne Welt kreieren, 
das Geschlechtergleichgewicht baut eine glückliche Familie auf.

Aber nicht nur Mädchen bedürfen der Gleichbehandlung auch das Heer der Pendler:

Gleichbehandlung pendelnder Bevölkerungsteile.
Gleiche Behandlung, gleicher Service.
Gemeinsam steht man auf dem Sockel der „Versorgung in der gleichen Stadt“ und auf dem Boden liegt der Ausweis „vorrübergehend wohnhaft“  den Zugezogene haben müssen, aber schwer zu bekommen ist und ohne den es versicherungstechnisch Probleme gibt. Chinesen können zwar pendeln, sich aber nicht einfach ummelden, um zum Beispiel in entwickeltere Städte zu migrieren. Sie müssen an ihrem Geburtsort gemeldet bleiben. Meine Lehrerin meinte, das Bild sei eine Idealvorstellung.

Wortspiele sind auch ganz groß in China:
Die fliegen durch die Gegend, um sich die Welt anzuschauen, 
wir fliehen durch die Gegend, um vor Kontrollen abzuhauen.
Jetzt noch ein Fachterminus: Tschau-Schöng (超生) wörtlich übergebären, also mehr als erlaubt.

Überschrift: Wenn die Familie viele Kinder hat, rutscht der Wohlstand schnell den Hang hinab.
Familie mit zu vielen Kindern (auf dem Dach steht "tschau-schöng"), muss hohen Druck aushalten, wann wird sie eine Familie des „kleinen Wohlstands“ werden können?

Der kleine Wohlstand, auch so ein Schlagwort, das der Reformer Teng Hsiao-ping geprägt hat. Wie wäre China heute aufgestellt, wenn jede Familie heute zwei oder drei Kinder hätte? Sollten sich die Kritiker dieses harschen Eingriffs ins Privatleben stellen.
Die Antwort wird natürlich auch angeboten:


Wenn fünf Kinder sich eine Mutter teilen (von 12:00 im Uhrzeigersinn): 
ich will zur Uni, ich will Spielzeug, ich will Schminke, ich will heiraten, ich will Arbeit.

Wer die Politik befolgt wird hingegen belohnt:

Sprechblase: Altersberechtigte Paare, die den Geburtenplanungsrichtlinien folgen, kommen in den kostenlosen Genuss grundlegender, staatlicher Versorgungsprogramme für medizinischen Service während der Schwangerschaft und Erziehung.

Die „Zwei Kinder für Einzelkindpaare“- Politik verwirklichen. 
Gemeinsam dem „glücklichen Traum“ einer Familie Leben geben.
Links: Der Arm, auf dem „Beginn der Implementierung“ steht, öffnet die Schranke, dass Einzelkindpaare nun ein zweites Kind bekommen können. Rechts: Durch die Tür der Zwei-Kinder-für-Einzelkindpaare-Politik schreitend, sagt das Kind: „Endlich kann ich ein Geschwisterkind haben, dass mir beim Spielen Gesellschaft leistet!“


Am Baum der Einzelkindfamilie hängen die Früchte der Unterstützung aller (Familienmitglieder), die das sechszigste Lebensjahr erreicht haben.

Der einzige Sohn kann die Eltern schieben, da sie Leistungen vom Staat erhalten.
Beginnen warmherzige Systeme für Familien, 
die Schicksalsschläge erlitten haben, zu entwickeln.
Die Hand der „helfenden Systeme“ trägt die Eltern, die ihr einziges Kind verloren haben.

Mit den tausend Jahre alten feudalistischen Sitten brechen,
eine Generation eines neuen Begriff der Ehe pflanzen.
Zum Abschluss noch einen kleinen Reim:
Überschrift: Schlachtfeld die Kunde vom Service nach außen zu tragen. 
Der Wind der neuen Ehe
Tritt ein in jedes Haus.
Der alten Sitten Wehe
Treiben wir gemeinsam aus!

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