Montag, 20. April 2015

Deutschland sucht den Diktat-Star (TV I)

Dieses Jahr, wenn Sie die fünfzehnte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ sich nicht ansehen werden, denken Sie doch mal an die ferne Volkrepublik China und freuen sie sich, dass es dort andere Formen der Castingshows zu sehen gibt, die Ihnen Ihren Glauben an das Schöne, Wahre und Gute erhält.

Ich picke mal das Schwergewicht heraus: „Generalversammlung zum Diktat chinesischer Schriftzeichen“ (hier ein kurzer, aber guter Einblick) so sein etwas formeller Name, der gleich an die 163te Sitzung des Zentralkomitees zur Novellierung der Ein-Kind-Politik denken lässt.


Andere heißen "Zeichen-smasher" oder "Schriftzeichenheld" und sind weniger förmlich.
Mit Recht werden Kenner des chinesischen Fernsehprogramms mir entgegnen, dass diese nicht die wahren Pendants zum deutschen DSDS seien, das sind nämlich „China-Superstar“ oder „Chinas bestes Lied“ u.v.a.m., jedoch: sie funktionieren vom Ablauf gleich, haben Buzzer-betätigende Jurys, Backstage-Moderation, rührige Geschichten von zu Hause, sind ebenso populär und ihre Protagonisten gleich umjubelt. 

Jury
Spannung hinter den Kulissen
Dagmar Berghoff beim Diktieren

Also was passiert da genau?

Aus verschiedenen Provinzen sitzen 5 Gruppen á 12 Schülern auf der Bühne. Von ihnen tritt immer einer ans Pult und bekommt von einem Tagesschausprecher zweimal ein Wort vorgelesen, sowie ein meist literarisches Zitat in dem es prominent vorkommt. Nach kurzen Rückfragen und dem obligaten „Bin bereit“ ist eine Minute Zeit dieses Wort auf einen berührungssensiblen Bildschirm zu schreiben. So geht es immer Reihum, richtig bleibt, falsch fliegt, bis nach zwei Stunden nur noch zwei übrig sind, die dann in einem finalen Stechen um den Sieg ringen.
Das In-die-Handschreiben ist ein hiesiges Phänomen, um das Zeichen
an sich, die "Strichfolge" oder auch den Unterschied zu einem der
vielen gleichlautenden Zeichen deutlich zu machen.
Besonders beeindruckend ist die Jugend der Teilnehmer, die in ihren Augen glänzende Schreiblust, ihr Eros des Lernens und die Ruhe und manchmal auch Abgebrühtheit mit der sie in letzter Sekunde den letzten Strich anbringen oder ein schon richtiges Zeichen nur um der Schönheit willen neu schreiben.
Wie schreibt frau "niesen"?
Man hinter den Kulissen miterlebt wie Lehrer, Eltern und Mitschüler bewaffnet mit dicken Wörterbüchern ungläubig nachschlagen müssen was ihr Schützling da grad aus dem Gedächtnis zaubert. 
Interessant sind auch die Erläuterungen der Literaturprofessorenjury und die Blindprüfgruppe von 50 normalen Chinesen (Kinder, Omis und Werktätige), die gleichzeitig den Test mitmachen und es meistens auf nur 1%, manchmal auf 5% und im Ausnahmefall mal auf 20% Trefferquote bringt. 
noch 19 Sekunden...

Das ist echt spannend! Ist das Propaganda?

Sicher kann man, wie es mir mit so vielen Verbots- und Aufforderungsschildern in der VR geht, sagen, ja, wenn die Regierung schon im Staatsfernsehen solche Sendungen bringen muss, dann scheint es ja um die Alphabetisierung schlecht bestellt. Und ja, auch hier zwingen die Schlaufone die Schreibkunst zum Rückzug. Und es stimmt am besten schneiden meist die Halbwüchsigen aus den guten Schulen der großen Städte ab. Hong Kong ging ganz schnell unter (wohl wegen der dortigen Langzeichen) und besonders die Kinder aus den Randgebieten und der Minderheiten, die sich wie unsereins mit Chinesisch als Zweit- oder gar Drittsprache abmühen, steigen spätestens bei den Spezialzeichen der Literatursprache aus. Umso größer der Jubel aber, wenn die Letztverbliebene aus Hinterkanton allein eine ganze Klasse aus Peking quasi wörtlich ausradiert. Mein Eindruck ist hier feiert eine Kultur ihren erhabensten Teil und legt ihn auf ansprechende Weise einem breiten Publikum erfolgreich ans Herz. Während diese Jugend einerseits ihre Smartphones bedient, sitzt sie doch von klein auf abends im Kalligraphiekurs und ist frühzeitig dem ästhetischen Arrangement einzelner Striche zu einem ansprechenden Ganzen ausgesetzt. Von uns höre ich, dass man gerade die Schreibschrift im Grundschulunterricht abschafft

Als Sinophilem verstellt natürlich die Urkraft und Schönheit dieser Schreibschrift etwas den nüchternen, objektiven Blick. Ich wollte nur im Kontrast zu einer deutschen Sendung mal aus einem Land, von dem wir oft eine Menge Schmus, gerade hinsichtlich seines kulturellen Verfalls hören, erzählen.

Samstag, 4. April 2015

Kuriositätenkabinett

Kuriositäten ganz im angelsächsischen Sinne „curiosity“ , die Neugier auf das Unbekannte.
Für fast alle gilt, dass ich hier nur eine Auswahl zeige, aber jede im Grunde eine ganze Fotoreihe verdient hätte. Es sei mir nachgesehen.


Abstruses Spielzeug. Eine Stereotype, aber mein liebes China, lebe damit, es ist wahr! Du stellst ein Haufen sinnlosen Nippes her, ballernd krauchende GIs, purzelnde Hündchen, piepende Püppis, blinkende Autos, vibrierende Maschinengewehre, tönende Knopftastenschaltbretter usw. usf.
Bei allem Wehgeschrei, eins zeigt es mir deutlich: wie verspielt Du bist…

Der Ampelsonnenschirm
Es ist heiß hier. Beim Warten auf Grün gut gekühlt im Schatten stehen, bevor man sich in die lebensgefährliche Unternehmung wirft, die Straße zu überqueren…

Die chinesische Knotenkunst ist ja in der Welt hochberühmt und so sehr Plastiktüten hier leider eine selbsverständlich unhinterfragte Sünde sind, so sehr bin ich doch von diesem kleinen praktischen Meisterwerk beeindruckt.


Der Händiständer
Das Schlaufon hat hier ein anderes Gewicht: es ist hochindividuiert umhüllt, es ist quasi in die Hand eingebaut, bietet beim Fußgehen Zerstreuung durch komplette Serien, ja ganze Filme, die man auf ihm schaut. Tablet, nääh, Schlepptop, neee, Hänni!! Entsprechend der ausdifferenzierte Markt hausfremder Halterungen…   

Fest angebaute Mopedhandschuhe
Auch so eine Art von „Pimp My Ride“ je nach Region in China kommen noch Heizdecken oder Regenschirme hinzu…

Nun zu den zwei echt lebenswichtigen, obligat chinesischen Accessoires:

Die Thermoskanne auch Teeschraubglas genannt. Griffbereites, kochend heißes Wasser ist der Chinesen Lebenselixier, wirklich sie können nicht ohne, deshalb steht es auch so gut wie überall kostenloszapfbereit. Meist ganz roh genossen, oft aber auch gern mit einigen Teeblättern (im eingebauten Spezialsieb), Früchten oder sonstewas, das Geschmack über Zeit abgibt, versehen.

In meinem Unterricht sehe ich neben JEDER Studentin eine Thermoskanne stehen und KEINE gibt’s zweimal, ALLE anders. Man sagt die Chinesen sind Herdentiere ohne Individualität? Pah! Schaut auf die Thermoskannen (und Taschentelefone)!
Eine kleine Auswahl im Kaufhaus...


Die Extrabatterie für alle Fälle
Die Wichtigkeit des Mobiltelefons habe ich bereits betont. Doch was tun auf nicht enden wollenden Bummelzugreisen? Heißes Wasser gibt’s, aber keine Steckdosen! Der Stromspeicherblock, gern gesehenes Instrument zur Aufrechterhaltung des im Funktelefon gespeicherten Unterhaltungsangebots…


Multiple Sterne Scheißhäuser. Ja es gibt sie und sie sind selten. Kacken ist übrigens hier kostenlos. Das finde ich wäre des Importierens wert. Chinesische Deutschlandrückkehrer berichten immer entsetzt: öffentliche Klos, zwei Euro!!

Wärmend duftende Hinweise, wenn-hsin ti-schö, eigentlich „freundlicher Hinweis“ von privat ganz lieb bis staatlich bevormundend (aus ostdeutscher Sicht). Hier an meiner Zimmertür in einem Hotel in Harbin bei minus 20 Grad:
„Eine schützende Schicht mehr, eine sicheres Gefühl mehr.“
 Wahrlich wärmend, herzerwärmend!
 


Vereinsamte Megaphone, die genau solche Hinweise an Haltestellen, Eingängen und anderen Orten wiedergeben. Hier haben sie nämlich eine Aufnahmefunktion mit eingebauter Endlosschleife, von der insbesondere Läden mit begrenzt haltbarer Ware, fliegende Händler mit Schnäppchen oder Recylingmüllsammler aller Couleur ausgiebig Gebrauch machen. Wie man sie vergessen kann bleibt mir unklar, beweist aber nur, dass sie offensichtlich nicht gehört werden: „6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark, 6 Pfund Äppel 2 Mark…“

Oder Verbote wie: Bitte nicht Rauchen, noch so ein Nebeneinander unvereinbarer Gegensätze.


Ähnlich: Gurt ohne Schnalle. Dazu die automatisierte Ansage einer säuselnden Frauenstimme:

„Herzlich Willkommen bei Taxifirma So-und-so. Bitte achten sie auf Ihr Gepäck und schnallen sie sich bitte an.“ 
China wie es leibt und lebt! Oder wie mir bei Ankunft meine Kollegin so schön beigebracht hat: ti-ei-ßi, T.I.C., this is China…


In Vitro. Über die Geburtenpolitik hab ich ja schon ausgiebig geschrieben (habe übrigens vier neue Bilder hinzugefügt). Da muss die eine Geburt sitzen. Wen wundert also solche Werbung?

Krankenhaus Xiamen "Sicherer Schatz", Arbeitsgruppe "Reproduktionskunst zugunsten der Menschheit" spezialisiert auf Geburtskomplikationen und Unfruchtbarkeit

Einfühlsame Ladengestaltung
Eigentlich sehe ich viele, wirklich schöne Läden hier, gerade die chinesische Innenarchitektur ist nämlich für mich ein ganz besonderes Glanzlicht, nur manchmal geht mit den Ladenbesitzern die Praktikabilität, das „Das-Passt-schon“, das Unorthodoxe  durch, wie bei diesem Fotostudio für gestellte bzw. nach-posierte Heiratsfotos; einer riesigen Branche im Übrigen…

Fahrstuhlzahlen
Im Grunde ist ja nur die Vier wegen ihres Gleichklangs mit dem Wort „sterben“ unglücksbringend. Hier ist sie vertreten dafür nicht in ihren Abwandlungen und die Dreizehn auch nicht.

An meiner Eingangstür. Ich wusste schon immer, dass hier irgendwas nicht stimmt…

Nummernschilder:



 

Das deutsche und chinesische Autofahrer doch etwas gemeinsam haben könnten, wer hätte das Gedacht?

Die Infodamen am Flughafen tun es, die Verkäufer in den Kaufhäusern tun es, die Köche, die Servierer tun es, die Studenten auf dem Sportplatz tun es obligatorisch und auch – natürlich – die Kinder.

Exerzieren. Früh übt sich wer ein Meister werden will. Ich mag ja Gruppengeist, insbesondere zur Koordination kunstvoller Dinge, aber wenn die Militärrufe von hunderten Kindern aus der Schule neben meinem Haus an mein Ohr dringen, geht mir das schon durch Mark und Bein.



Quietscheentchenschuhe. Wenn meine Eltern, diese Erfindung gekannt hätten, wieviele Aufrufe in Kaufhäusern wären mir erspart geblieben?

Apropos quietschen, zu dem konstanten Hintergrundklang aus hupenden Verkehrsteilnehmern gehört die Trommelfell sprengende obligate Quietschebremse. Wie gewohnt praktisch erklärte mir ein Benutzer „dann muss ich mir keine Klingel kaufen“.
Hier ein noch sehr zurückhaltendes Exemplar in einem Duett mit Megaphon:


Wo wir schon bei Musik sind: selbstverständlich werden auch hier die elektronischen Musikinstrumente dem heimischen Markt angepasst: 

Frohe Ostern meine Lieben!