Mittwoch, 27. Mai 2015

Starfeeling




Nicht doch, nicht doch, nein das ist nicht Acid-Adolf, das ist eine typische, traditionelle Maske für die Rolle eines chinesischen Clowns innerhalb der Peking Oper! Der Clown ist für mich nämlich die Lösung für eine Frage, die sich mir hier oft stellt:

In welcher Situation würden Deutsche mich so beäugen, wie es Chinesen hier tun?

Dieser chinesische Blick ist so schwer zu beschreiben, dass ich nach einer vergleichbaren Situation suchte. Ich kam hierauf:

Man ist beim Bäcker, im Kaufhaus oder in einem Café, irgendwo Alltäglichem, wo man normaler Mensch ist. Da kommt plötzlich ein Zirkusclown rein. So ein richtig typischer, europäischer Spaßmacher in voller Montur mit roter Pingpongballnase, Halbglatze und buntem Haarkranz, kreideweiß grundiert, überschminkten Augen und großem Mund, übergroßen Schuhen und Tröte. Und nun stellt sich dieser Clown mit an beim Bäcker, kauft ein Brot, setzt sich mit hin und trinkt einen Kaffee, wartet auf den Bus, bezahlt an der Kasse oder erkundigt sich am Schalter, ohne zu tun was ein Clown sonst so tut.

Wie würden wir schauen? Wie würden wir reagieren?

Ich denke, einige würden versuchen cool zu bleiben, sich nichts anmerken lassen, könnten sich aber des neugierigen Blickes nicht enthalten und immer wieder verstohlen hinüberschauen, andere wiederum wären schlicht erstaunt, könnten den Blick nicht abwenden und rätselten, was dieser Typ hier macht, gerade in dem Aufzug ohne Spaß zu machen. Manche würden vielleicht auch nur starren in Erwartung einer Einlage. 

Nun fängt der Witzbold auch noch an normal zu sprechen oder sogar einen selbst anzusprechen!  

Da könnte es sein, dass einige hektisch-ängstlich abwinkend die Flucht ergriffen, weil man ja nicht wüsste was der will und ja nicht Opfer seiner Clownerie werden wollte. Andere wiederum fänden Zirkus interessant und Clowns lustig und würden sogar die Initiative ergreifen.

Nun, so geht es dem Ausländer der das Zentrum der großen Städte verlässt. Er erregt Aufmerksamkeit und erntet die oben beschriebene Fülle an Reaktionen, gerade wenn er weiß ist und blaue Augen hat. Eigentliche eine tolle Eigenschaft der Chinesen, dass sie grundsätzlich sehr fremdenfreundlich sind. So bekommt man eine Ahnung davon, wie es sein muss ein Star zu sein. Man lernt zu ignorieren wie ein Zootier begafft und ungefragt fotografiert zu werden, Überschreitungen der Grenzen des Körperkontakts hinzunehmen, man lernt Gefallen auszuschlagen, Konversationen zu unterbinden, vollkommen übertriebene Komplimente anzunehmen, sich wegzuducken, die Flucht zu ergreifen und sich strunzdumm zu stellen. Sie meinen es ja gut, darf man nicht vergessen. Sie sind interessiert und zeigen aufrichtig auf ihre Weise ihre Neugier. Das ist auch mutig, finde ich. Wenn man aus einem Land wie Teutonien kommt, dass man sozial durchaus als Eisschrank und hinsichtlich Integration als ziemlich insuffizient bezeichnen kann, ist das schon ein brutaler Bruch, aber als Kultur eine Errungenschaft. 

Bei aller Nettigkeit, es hat natürlich den Nachteil, man ist nie Mensch. Der abendländische Abstand, das öffentliche Desinteresse und die Nüchternheit des Umgangs geben ja auch Raum, Privatheit und Anonymität, alles Konzepte, die hier ganz anders ausgeprägt sind.

Und so erfahre ich an mir selbst ein weiteres Beispiel das Eigene im Fremden zu erkennen.


Kommentare:

  1. Das Bild mit dem Clown ist wirklich zutreffend. Aber für mich ist der der eine Satz, den du nur kurz am Ende schreibst wirklich wesentlich und eine Sache, die mich wirklich stört an der chinesischen Gesellschaft: "Bei aller Nettigkeit, es hat natürlich den Nachteil, man ist nie Mensch."
    Mich hat das sehr oft gestört immer der "Waijiao" oder "Laowai" zu sein, selbst wenn man schon länger mit bestimmten Personen Kontakt hatte. Ich sehe darin ein Problem, da diese im sprachlichen Alltagsgebrauch sehr stark verankerte Sprechweise, viel über den gesellschaftlichen Umgang mit dem Fremden oder mit Mindereiten aufzeigt. Westeuropäische Gesellschaften benutzen auch Begriffe, die diskriminierend und beleidigend sind, aber es findet eine öffentliche Diskussion darüber statt und sprachlich hat sich in den letzten Jahrzehnten auch viel verändert, so auch die Situation von Minderheiten in Europa. Manchmal ist der Prozess etwas zäh und man hat den Eindruck zu politically correct zu sein. Sicher ist "laowai" aus chinesischer Sicht höflich gemeint, doch müssen Chinesen auch verstehen lernen wie dieser Begriff beim ausländischen Rezipienten ankommt, der schon lange in China lebt oder mit China zu tun hat.

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  2. Hey, danke für die Rückmeldung! Gerade komme ich ausm Kalligraphieunterricht bei meinem altehrwürdigen Lehrer und just heute fragt der mich "was sagt ihr eigentlich unter euch, wenn ihr auf 'Laowais' trefft?" Da hab ich erstmal geschwitzt ihm zu erklären das wir "Ausländer" sagen, der Begriff aber nicht mehr so hipp ist, wir meist raten (und das falsch) gerade bei Asiaten, die sich ja regelmäßig aufregen als Japaner bezeichtnet zu werden, oder wir meistens versuchen einfach den echten Namen so richtig wie möglich auszusprechen. "Nein, nein" sagte mein Lehrer dann "wie bezeichnet ihr die Laowais in eurem Land" und so ging das erstmal ne Weile (na wir sagen das richtige Land gleich etc. pp.) bis er dann - wie Du ja auch schon sagtest - beteuerte "Laowai" ist wirklich, wirklich ehrerbietend gemeint eben wegen "lao" der "Ehrwürdige". Vom Kulturchef das gesagt zu bekommen hat da schon einigen Nerv-schmerz gelindert, für Dich vielleicht auch?

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