Mittwoch, 10. Juni 2015

Zwölfeinhalb chinesische Verkehrsregeln



Wie meine gebildeten, weltbewanderten und überaus intelligenten Leser sicher aus eigener Anschauung wissen, ist der deutsche Straßenverkehr in seiner strengen Ausprägung eher ein Exotikum, als das, was ich nun berichten möchte. Zunächst ein zahmer Einstieg:


Anfangs sagte ich ja, dass ich noch Zeit bräuchte das alles zu verstehen und in der Tat es hat fast zwei Jahre gedauert bis ich mir durch die Unwägbarkeiten des chinesischen Verkehrs meinen Weg gebahnt hatte. Es hat ein bisschen was von „man hat schon Pferde kotzen sehen; auf der Straße; und der Pfarrer war auch dabei!“ die Erlebnisse sind mitunter surreal, aberwitzig bis hin zu dem Überlebenswillen vollkommen widersprechenden Absurditäten. Als mir dann aber zum ersten Mal – und das als hartgesottenes Trabantfahrerkind! – in einem Taxi am 28ten März 2015 gegen 20:00 schwindlig und übel wurde, einfach durch das schiere Heizen und Gurken des Henkers, dachte ich: Vielleicht sollte ich doch noch mein gesammeltes Wissen baldigst weitergeben...

Wenn ich also hier versuche Erkenntnisse und Regeln zu formulieren, sollte sich die geneigte Leserschaft im Klaren sein, dass einige sich selbst widersprechen. Selbstverständlich widersprechen sollte ich vielleicht schon sagen, China halt: die Verbindung krassester Gegensätze zu einem - mehr oder weniger harmonisch - funktionablen Ganzen.


Nr.0: Wenn Regeln und Schilder wirklich relevant wären, wäre dieser Artikel überflüssig.

Nr.1: Sei gefasst, ALLES ist möglich. A L L E S ! Ergo:

Nr.2: Praktiziere statt vorausschauenden Fahrens, umschauendes Fahren, 360°- Blick (inklusive z-Achse und ohne den Kopf zu bewegen; siehe Nr.7) und immer und nur bis zur Nasenspitze denken. Was zehn Meter weiter passiert ist nicht relevant, denn da müssen wir erst mal unversehrt hin und bis es soweit ist, kann aus jeder Ecke, von oben, von unten, von HINTEN, jederzeit alles, A L L E S passieren. Links blinken rechts abbiegen, rechts blinken geradeaus fahren, Fußgänger springen blindlinks hinterm Bus hervor, rückwärts geschobene Fahrräder kommen auf der Gegenspur den Berg hinunter, Menschen fallen aus dem Fenster auf die Straße vor’s Gefährt, Gefahren/Naturalientransporte aller Art nehmen dem Verkehrsteilnehmer fast das Augenlicht, Autos heizen auf dem Fußgängerweg, metertiefe Straßenlöcher, die Liste ist unendlich…

Nr.3: In praxi heißt das A U S W E I C H E N, die zweitwichtigste Überlebenstechnik hier.

Nr.4: Hup oder stirb! Das Hupen bedeutet hier eher: „Mach‘ mal Platz.“ „Hi, ich bin’s.“ „Achtung, ich komme.“ „Ich fahr auch hier.“ „Ich würde gern hier rein.“ „Bitte weiterfahren“ (nett). Lustigerweise ist das Hupen ja auf  meiner Insel ja verboten:

Anfangs dachte ich, dass das das standardmäßige Übersehen aller Schilder ist, bis ich dann mal mein schönes Amoy verlassen hab und andere Städte besuchte: ein kontinuierlicher Strom des Hupens, ein Klangrausch wie im Vuvuzela-Stadion. Hier sind ja sämtliche Bushupen runtergedrosselt, aber auswärts, allein schon die Busse die vom Land auf die Insel kommen, ein Diesel-Elektro-Motoren-Lok-Signalhorn ist ein Knallfrosch dagegen…

Nr.5: Schneiden, schneiden, schneiden, fahre immer den mathematisch kürzesten Weg! Daraus ergibt sich: alle Linksabbieger versuchen – standardmäßig! –  noch VOR dem Gegenverkehr abzubiegen.

Nr.6: Vorfahrt hin oder her, wer zuerst kommt mahlt zuerst, ob 1 cm oder 3 Millisekunden, Erster ist Erster!

Nr.7: Tendenz zum Recht des Stärkeren, habe aber auch schon Fußgänger SUVs, Dreiräder ganze Lastwägen und Omis Busse stoppen sehen…

Nr.8: NIE nach hinten bzw. sich umschauen bzw. den Anschein machen, frei nach U. Wickert:

Nr.9: Man kann nach vorne gehen und braucht dabei nicht nach vorne schauen!

Nr.10: Beim Parken oder Warten sucht man die Position, die der Gesamtanordnung den höchsten Grad der Zufällig- und Unvorhersagbarkeit verleiht.

Nr.11: Nicht rum/rein/vor/abdrängeln heißt de facto stehenbleiben.

Nr.12: Apropos, do it like the locals do: bleib hie und da, einfach mal stehen, egal ob Autobahn, einspurige Einbahnstraße, beim gleichzeitigen Ein- und Aussteigen, am schmalen Eingang, beim Boarding, ja genau, immer mal von Zeit zu Zeit einfach stehenbleiben, zu Deutsch: B L O C K E N. Das kann dann zu Zusammenstößen wie im WM Halbfinale 2014 führen:
Paradebeispiel bitte ansehen: Neuer vs Bernard
Meistens bleibt es aber bei einer kurzen,  eher seichten Berührung, einem so häufigen Phänomen, dass die Chinesen es zu einer Redewendung verdichtet haben: „tsah-dschiänn-ahr-guo“, wörtlich „mit den Schultern aneinander vorbeischrammen“, was so viel wie „knapp verpassen“ oder „kurze Begegnung“ bedeutet.

Nr. 0.2: Darum - seien wir fair und dankbar - es ist erstaunlich wie bei aller Crazyness doch alles glimpflich durchgeht und funktioniert, schon fast ein Wunder, jeden Tag.

Na dann, Fahrprüfung ich komme!

Zum Schluss sehen wir diese Regeln mal als Gleichnis auf die Gesellschaft…

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