Donnerstag, 2. Juli 2015

Formosa die Zweite



Ich war also nochmal auf Taiwan. Diesmal mit der Mission alle Freunde, Lehrer und Orte wiederzusehen, die mir vor zehn Jahren mein Leben hier so angenehm gemacht haben.
Dabei ist mir eine wichtige Sache für langzeitxenophile Kulturwandler aufgefallen, die ich mit Euch teilen möchte. Darüber hinaus möchte ich noch zwei, drei Eindrücke und Gedanken zu Taiwan nachtragen.

Zuerst die wichtige Sache: es ist für mich wichtig, immer wieder zurückzukehren, die Entwicklungen meiner asiatischen Sehnsuchtsheimat zu verfolgen, das Ohr an den Realitäten zu haben, um nicht in eine verklärte Abziehbildmeinung zu verfallen, also immer zu entmystifizieren und die Eindrücke zu erneuern. Das ist mir bei diesem Besuch irgendwie ganz klar geworden.

Als ich aber in Tainan am Bahnhof ankam, an meiner Alma Mater vorbeilief und an hundert anderen Orten, die sich nur leicht verändert hatten, war aber erst einmal Komplettabruf sämtlicher Daten angesagt. Erstaunen darüber, was mein Hirn alles gespeichert hat, aber für mich - ohne den sensorischen Reiz - nicht zugänglich macht. Verrückt! Ich kenne die meisten Wege und Routen, kann mich mit Leichtigkeit orientieren, Häuser wiedererkennen und die mit Ihnen in der Versenkung verschwundene Geschichten und Menschen rekapitulieren. Dann wieder nun unscheinbar wirkende Orte essentieller Begegnungen 




und vor allem schlicht: Vergangenheit. 

Vieles habe ich nicht fotografiert, es wird den Emotionen einfach nicht gerecht und nach zwei Nächten und einem Tag dachte ich: es ist auch gut wieder zu fahren. Nur im Museum der eigenen Biographie herumzukurven, ohne die Option es mit neuem Leben zu füllen, ist nicht sehr reizvoll.
Die überhöhte Erinnerung wurde also wieder relativiert. Das fand ich gut. Taiwan ist ja mein Gegengift, wenn mir die VR nicht passt, aber diesmal konnte ich mit der wichtigen Entdeckung die Unterschiede weniger voreingenommen genießen:

Taiwanesisches Symbolgetränk: der sogenannte - kein Scherz! - "Tittenmilchtee"

Als ich mich des Bechers entledigen wollte fiel mir wieder ein: öffentliche Mülleimer sind fast nicht existent, ist jedesmal wie Ostereiersuchen....

Noch im Verkehrsregelmodus Nr. 10/11 im taiwanischen Kaufhaus, habe ich einen Taiwaner leicht bodygecheckt: der springt zurück, nimmt die Schuld auf sich und fleht unter stetem Kopfnicken und Verbeugen „So soooorry! Everything ok? pay-say, pay-say! You’re fine? I’m so sorry!“  
Ich dachte nur, man bin ich abgestumpft!

Sie sind so sanft, leiser, freundlich und bemüht. *Hach*

Sie haben diese spezielle Einrichtung, die sie "Kampf-lern-zentrum" nennen. Gegen einen kleines Eintrittsgeld bekommt man einen Schreibtischplatz und absolute Ruhe zum Lernen, quasi wie im Internetcafé von früher nur ohne Internet und mit Büchern.

K wie "kick" und über der Treppe "STILLE"

Sie bezeichnen mich nicht als „Lauwei“ (Oller Ausländer) sondern als „Hsienschöng“ (mein Herr).

Alles scheint so einfach hier zu sein, vom Zugfahren bis Durchfragen…

Aber ihr altertümelndes Chinesisch (sie nennen es immer noch „Mandarin“) ist eine echte Sondernummer, kultig in seiner Mischung aus unterdrückten Zischlauten plattgedrückten fallenden Tönen und dem Einfluss des Tai-Ü, dem hiesigen Inseldialekt. 
Der wiederum ist wirklich so erdig und echt wie ein zünftiges Bayerisch:


…aber ihr Chinesisch, mon Dieu, non! Es lebe das klare, klangschöne, geschmeidige Hochchinesisch! Hoch! Hoch! Hoch!

Viele volksrepublikanische Chinesen selbst sagen, so vereinfacht und beschnitten sei es unkultiviert, aber es eröffnet doch Hundertmillionen Teilhabe. Mit Neid blicken einige Taiwaner in die VR auf manche Festländer, die nur bewaffnet mit Ihrer in Armut gegärbten Rauhbeinigkeit und einer Mentalität des Nichts-zu-verlierens am taiwanischen Traditionalismus vorbei nach vorne stürmen und mutig Neues wagen.

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