Montag, 18. Juli 2016

Klassiker & Nebensachen (Kuriositäten III)

Vor fast einem Jahr bin ich in Berlin-Tegel mit genau 91,83 kg Gepäck gelandet und noch immer ist dieser Berg an Mitgebrachtem nicht vollständig verarbeitet.
Nach zarten anfänglichen Beobachtungen, einem recht stattlichen Defilee der Besonderheiten sowie den obligatorisch aufgereihten Stereotypen, nun der vorerst letzte Teil meiner Sammlung bemerkenswerter Abweichungen vom deutschen Alltag.
Meinen lieben Lesern wird auffallen, dass die meisten der hier aufgezählten Beobachtungen nun keine genuin neuen Phänomene sind, sondern enge Verflechtungen zu bereits gemachten Entdeckungen aufweisen. Wir tauchen also schon in jene Tiefen hinab, wo uns die Kenntnis des Subtextes (sorry Ethnos ;-) zusätzliches Verstehen und Vergnügen schenkt.
Willkommen und schön, dass ihr mich bei dieser Reise begleitet!

Fangen wir mit den Nebensachen an:

Besen, sie machen sie noch selber! Zwar gibt es natürlich an allen Ecken billige PVC-Ware, die Profis jedoch verwenden diese.



Geschenke. Schockermoment „Wichteln mit Chinesen“: binnen einer halben Minute haben sich alle 120 (!) Studierenden des Instituts aus dem Weihnachtssack ihr Präsent gefischt. Beim Drängen und Schieben der Warteschlange kommt es zu kurzen Grabbelkämpfen und die sackhaltenden Weihnachtstrolle haben Mühe den Sack überhaupt zu behaupten, bis plötzlich die chinesische Bravheit wieder die Oberhand gewinnt und alles pausbäckig an der frisch erstandenen Habseligkeit glücklich fummelt…


Zocken (insbesondere Aktien). Macau hat ja Las Vegas wohl schon lange als Spielerparadies abgelöst, die Suche nach dem schnellen Geld und der Kick, gegen alle Wahrscheinlichkeiten, schicksalsgefügt doch der Abräumer zu sein, scheint mir hier doch recht tief verwurzelt. Hier sieht man die Gattin des Besitzers des von mir oft besuchten Kopierladens (bestehend aus einem einzigen Schreibtisch in einem Immobilienhändlerbüro, bestückt mit zwei Rechnern und einem Kopierer) wie sie zwischen den Arbeitsschritten die aktuellen Kurse checkt.


Einwegstäbchenhüllenhalterung aus dem naturbewussteren Taiwan, in der VR hab ich sie noch nicht gesehen…


WC-Belegungsanzeige, gleichfalls, dem japanischen Erbe (Klofetisch) Rechnung tragend, aus Taipeh:


OS mit UT ohne OT

...soll heißen: Originalserie mit Untertiteln ohne Originalton. Bis auf absolute live-Sendungen, ist im chinesischen Fernsehen ja jede Sendung untertitelt, um allen Chinesen jeden Mutterdialekts das Verständnis zu erleichtern. Als echte Serienfreaks konsumieren sie jede Serie, ob aus China, Kora, Japan, USA, UK, Deutschland oder Sonstewo, die Popularität genießt und an die sie kommen können. So kommt es, dass mir der Koch meines zweitliebsten vegetarischen Buffets mir sein Schlaufon vor die Nase hält und mich fragt: „Kennste die?“ Ich aber, eine amerikanische Serie sehend, deutsche Synchornsprecher hörend, Untertitel in chinesischen Langzeichen lesend, mich erstmal orientierend, verneinen muss, meine Bewunderung für die kognitive Leistung des Ausblendens allerdings ausdrücke.



Ladenbambule. Die Chinesen haben ja dieses schöne, im deutschen Wortschatz völlig fehlende Adjektiv für trubelige, krachige Rummelatmosphäre: rönau, wörtlich, unter Einbeziehung der Schriftzeichensymbolik: heißes Duell aufm Markt. Chinesen beschreiben damit das wohlige Gefühl, das sie haben wenn, eben auf dem Markt, in der Stadt, auf Feiern und auch in traditioneller Musik, die Post richtig abgeht. Es ist ein Qualitätssiegel für eine Veranstaltung. Nur wenn es zu arg wird d.h. die Schmerzgrenze westlicher Gemüter bereits weit überschreiten ist, kann es auch abmildernd negative Bedeutung haben.
Nun eine wichtige Rolle im Erzeugen einer solchen Atmosphäre sind die – wie ich sie nenne – Ladenzeremonienmeister:

Bewaffnet mit Mikrofon, Verstärker und Echohall „moderieren“ sie dem vorbeiziehenden Besucherstrom die Ware an.

Bei Arbeitskraftknappheit muss dann schlicht die Aufnahmefunktion herhalten.


Immer wieder schön auch wie wunderbar verkramt die kleineren Läden sind. 


Nun zu den Klassikern!
 
Schicksalsglaube. Ob die Zahl im Roulette kommt, die Aktien fallen oder steigen oder Liebesglück einkehrt, alles vorherbestimmt und durch Auspizien ablesbar. Dabei kommt das traditionelle Analogiedenken der Chinesen zum Tragen (z.B. sind Walnüsse gut für’s Hirn, weil sie aussehen wie ein Gehirn usw. usf.). So wundert es kaum, dass der Hongkonger an der Liegegestalt des Kindes in der Wiege seine Bestimmung abzulesen vermag:
Eckenchef? Antikorruptionsbeauftragter? Kungfumeister?
Feinschmecker? Model? Sänger?
Umweltschützer? Buchhalter? Geschäftsführer?

Heißwasserspender, ein wahrer Segen, des Importes wahrlich würdig, sind überall verfügbar und wahrscheinlich der Sinnstifter von Instantnudeln und der bereits besprochenen Teeschraubgläser. 
Im Bahnhof
An der Bushaltestelle
Im Flughafen
Im Institut mit Auffangsieb für Teeblätter, Kerne etc.

In der Schule

Freiheit. Einerseits wissen wir um die vielfältigen Einschränkungen, die die VR ihren Bürgern auferlegt, die diesem Bild einen schaurigen Hauch verleiht...
Flughafen Schanghai
...andererseits haben die Chinesen im Alltag eine Freiheit Regeln zu brechen und biegen bzw. von ihnen abweichen zu dürfen, die – nach meiner Meinung - größer ist als bei uns. Ein schweizer Kollege meinte einmal ihn erinnere die heutige VR an "seine" Schweiz der 60er Jahre: noch nicht überreguliert, mit vielen kleinen Grauzonen.



In Ermangelung einer besseren Bezeichnung: das Stiftkarussell. Ein chinesischer Abiturient hat in seinem Leben wohl mehr geschrieben als eine ganze deutsche Abiturklasse zusammen. Jahre des Paukens, Sitzens hinterm Schreibtisch, Wechselns zur Neige gegangener Feinlinerminen und Machens ödester Hausaufgaben erzeugen so einen bestimmten kleinen Flohzirkustrick, den jeder junge Mensch, dem zumindest ich hier begegnet bin, ausnahmslos beherrscht. Freundlich zur Verfügung gestellt von Fräulein Gung:

klassisch

und avanciert


Unorthodoxe Improvisation
Kabelhalter
Elektroinstallation
Ladenschirmlösung
Schirmhaltersubstitut
Badmintonracket



Plagiate. Überraschung, nicht nur Apple’s Produktpallette ist wesentlich größer als gedacht…
E-bikes

Geldzählmaschinen

Klospülungen

Das ist ein Fahrrad.

McTucky

Ponirelli

Chinglish, ganze Webseiten sind dem Phänomen gewidmet und auch Promotionen werden zu diesem Thema verfasst. Neben dem ungewollt Lustigen, finde ich ja die über das Ziel hinausschießende Megalomanie in manchen Übertragungen besonders schön, sie zeigt, wie wichtig den Chinesen, trotz Erziehung zur Bescheidenheit und Zurückhaltung, das Schillernde, Großartige und Pompöse ist. Im folgenden Bild heißen die Zeichen wörtlich:
v.l.n.r.: groß, korrekt, Mensch, Schrift
Alle vier gehören zu den ältesten Zeichen, die das Chinesische überhaupt zu bieten hat und sind entsprechend mit 4000 Jahren Schriftgeschichte und Bedeutung aufgeladen, so könnte es v.l.n.r.  „Yoshihitos Humanismus“ heißen oder v.r.n.l.  „redlicher Scholast“, die hier gezeigt Lösung allerdings scheint mir doch etwas weit hergeholt.

Steht da auch auf Chinesisch!

gewohnt genderunsensibel natürlich in rosa



Eigentlich müsste es heißen, für Freunde des Kompositums: 
Kleine Sunyatsenmausoleumsehenswürdigkeitenrundfahrtseisenbahn
Kleine Überleitung: bitte beachten Sie den Fahrer.

Zum Schluss die speziell chinesische Superpower: schlafen können, überall und instantan.

ein ganz großer Klassiker

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